Der Wolf in Ostfriesland

Egal, wo ich außerhalb Ostfrieslands war, habe ich nie das Glück gehabt einen Wolf in freier Wildbahn zu fotografieren. Die Fotos sind im Wildpark Knüllwald und im Heimat-Tierpark Olderdissen gemacht worden.

Zur Zeit wird die wichtige Deichschäferei Ostfrieslands als Argument für die Abschußfreigabe des Wolfes genannt. Die Frage ist, kommt ein Wolf  auf die Idee Schafe am Deich zu jagen? Hat er dort für den Gefahrenfall genügend Deckung? Ich denke nicht: Die Waldbestände Ostfrieslands sind meist kilometerweit vom nächsten Deich entfernt. 

Um dem Wolf und seinem Vorkommen in Ostfriesland auf die Spur zu kommen, habe ich folgenden Text gefunden:

 

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"In diesem Jahre spürte man hier (Anmerkung: Ostfriesland) einen Wolf, eine seltene Erscheinung dieser nicht waldigten und ebenen Provinz. Da der Wolf viele Schaafe zerriß, so wurden häufige Versuche gemacht ihn zu fangen. Oesters  wurden Wolfsjagden angestellt. Man hatte ihn einigemal in dem Kreis, und dennoch gieng er zwischen den Treibern durch, obschon vier Schüsse auf ihn vielen. Alle Abend lauerte ihm ein Jäger in einer besonders errichteten Wolfshütte auf. dem Jäger wurde auf landwirtschaftliche Kosten, um ihre aufzuspüren oder nachzusetzen, ein Pferd gehalten. Endlich wurde auf seinen Kopf eine Prämie von 50 und dann auf 100 Thlr. gesetzt. Alles half nichts.

Zehn Jahr lang wirth-1766 schaftete der Wolf bald in Auricher -, bald in Berumer-, bald in Friedeburger Amt herum, und trotzte den Jägern und allen zu seinem Untergang abzweckenden kostbaren Anstalten. Endlich gelang es 1776 einem Bauer den Wolf ohnweit Arle zu erschießen, und sich dadurch die Prämie zu verschaffen."

Alexander von Lengerke (1841) Landwirtschaftliche Statistik der deutschen Bundesstaaten, 2. Band, 2. Abteilung, Verlag Georg Westermann, Braunschweig, Seite 534

 

Um das oben stehende Zitat mit den Waldgebieten Ostfrieslands in Beziehung zu bringen, habe ich in eine historische Karte Ostfrieslands ( ca. 1600) von Ubbo Emmius die Wälder grün und die Aufenthaltsorte des Wolfes rosa markiert. Mit rot ist sein Todesort Arle hervorgehoben. 

Es sieht danach aus, das der Wolf sein Jagdrevier an die wenigen Wälder Ostfrieslands angepasst hat. Für die Ostfriesen seiner Zeit war sein Auftreten ein großes Problem, weil Schafe lebensnotwendige  Nutztiere der Ostfriesen waren:

 

„In der Marsch hält zwar fast jede Bauerhaushaltung ein oder mehrere Schafe der Wolle wegen, und läßt sie mit dem übrigen Vieh, zu zweien gekoppelt oder an einen Pfahl gebunden, weiden; allein mehr davon besitzen die Häusler, gewöhnlich 2 bis 3 Stück, und diese gehen am Tage in der Regel dorfschaftsweise in einer Heerde zusammen auf den Dorfwegen und am Deiche. Im Winter kommen sie auf das Weide- oder Meedeland“ der Bauern, bei welchen die Eigenthümer arbeiten. Auch die Knechte, zumal im Westen, halten häufig Schafe und Lämmer. Für den kleinen Mann ist das Marschschaf höchst nützlich, denn 2 bis 4 Stück sind hinlänglich, ihn mit Milch, Butter, Käse und Wolle zur Kleidung, auch mit etwas barem Gelde zu versehen.“ 

Alexander von Lengerke (1841) Landwirtschaftliche Statistik der deutschen Bundesstaaten, 2. Band,  Verlag Georg Westermann, Braunschweig, Seite 534

 

Es ist somit verständlich, dass die Ostfriesen im Jahr 1766 etwas gegen den schafreißenden Wolf hatten. Aber die Geschichte zeigt auf, daß ein einziger Wolf, trotz Geldprämie und nur wenig Waldflächen, zehn Jahre nicht erlegt werden konnte. Zehn Jahre lang hat er die Jägerschaft und die Landwirtschaft in Ostfriesland auf Trapp gehalten!

 

Für mich ist unverständlich, wie die Idee des Abschusses von Wölfen in die Welt kommen kann und was es bringen sollte? Der Wolf hätte wahrscheinlich bei der Ansiedelung in Deutschland Schwierigkeiten, wenn es keine Wälder als Rückzugsmöglichkeiten gäbe. Aber das Abholzen der ostfriesischen Wälder, um Schafrisse zu verhindern und dadurch die Deiche zu schützen, ist eine abwegige Idee, oder nicht?

 

Wolf Canis lupus SabineRümenap wildes Ostfriesland

Gemäß dem finnischen Sprichwort: Wer vor dem Wolf flieht, dem begegnet der Bär!

Wer weiß, was sich in der Natur Ostfrieslands noch alles verändert. ;-)

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Joerg (Sonntag, 04 Februar 2018 17:20)

    Cooler Rückblick tolle Einschätzung mehr bitte